Katholisches Gesangbuch

Eröffnung/Einzug   

Der problematische Beginn

Der Eingang zur Messfeier war in der nachkonziliären Reformarbeit ein schwieriges und bis zuletzt umstrittenes Problem. «Das ist einer der am meisten diskutierten und – das füge ich hinzu – der an meisten diskutablen Teile», schreibt der Peritus Manziani in seiner Analyse des neuen Ordo an Papst Paul VI. am 31.08.1968. [A.Bugnini, Die Liturgiereform, Freiburg 1988, S.401.]

Die Grundstruktur der Eröffnung in ihrer urtümlichsten Form ist bis heute die Eröffnung der Karfreitagsliturgie. Jene Elemente, die in der gegenwärtigen Praxis die Eröffnung der Messfeier dominieren, sucht man am Karfreitag vergeblich: Es gibt weder eine Begrüssung der Gemeinde durch den Vorsteher, noch einen Gesang, noch ein Schuldbekenntnis. Die einzigen und unübersehbaren  Vorgänge sind der Einzug und das Gebet. Allmählich haben sich weitere Elemente dazwischen geschoben, u.a. die musikalisch heterogenen Gesänge Kyrie und Gloria. Zusammen mit der Begrüssung (brevissimis verbis!) und dem Schuldbekenntnis kann der Messbeginn zu einem unproportionierten und überladene Element auswachsen, wobei die angepeilte Sinnspitze des Anfangs, das Gebet, untergeht.  Viel hängt in diesem Zusammenhang von einer ausgewogenen musikalischen Gestaltung des Messbeginns ab.

Gesang zum Einzug

Der Gesang zum Einzug oder zur Eröffnung kann verschiedene Funktionen haben.

Allen gemeinsam ist, dass er «die Verbundenheit der Anwesenden vertiefen soll und sie in das Mysterium der liturgischen Zeit oder des Festes einführt.» (AEM 25).

  • Erfahrung von Gemeinschaft, weil Gott zur dieser Feier einlädt und zusammenführt (KG45). Man singt sich zusammen, «die Verbundenheit aller Teilnehmenden wird vertieft.»
  • Stimmungsrahmen im Blick auf die liturgische Zeit oder den jeweiligen Anlass. Für die liturgisch geprägten Zeiten (Advent, Weihnachten, Österliche Busszeit und Osterzeit) gibt es einen reichen Liedschatz, der sich als Einführung in den Gottesdienst anbietet. Eine Art Ouvertüre (Eröffnung) ist auch bei spezifischen Anlässen erwünscht, so zu einem Taufgottesdienst, Taufgedächtnis (KG 3, 4, 37), Versöhnungsfeiern, Segensfeiern, Tagzeitengebet u.a. Es jedoch in allen Gottesdiensten wichtig, dass dem "Ankommen" in der Feier Raum und Dauer geschenkt wird.

Wir ziehen zu des Herren Haus KG 648Wir ziehen zu des Herren Haus KG 648
»»» vergrössern
Ein feierlicher Einzug kann von einem Prozessionalspsalm begleitet werden (KG 39), wobei die Gemeinde den Leitvers singt. Dies verdeutlicht die Bereitschaft des Hinschreitens vor Gott und der Anbetung. Ein sehr gutes Beispiel dazu bietet Psalm 122 mit dem Leitvers 648. Im CN werden dazu drei Psalmodien angeboten: Die Singweise I (traditionelle Psalmodie), die Singweise II (Münchener Kantorale) und Singweise III (KGB-Psalmodie und Begleitsatz im Orgelbuch II 648.1).)

  • Mitunter erklingt auch je nach Festanlass ein festliches Orgelspiel. Dies allerdings nur bis Ankunft des Priesters am Altar, denn die Gemeinde schätzt es in der Regel nicht, stehend eine lange Musik anzuhören. Bei einem längeren Stück setzt sich der Liturgie und mit ihm die Gemeinde. Danach eröffnet der Liturge nicht mit: «Wir beginnen den Gottesdienst Im Namen des Vaters... » Denn der Gottesdienst hat schon mit einem Lied oder mit Musik begonnen. Wenn schon, dann «Wir sammeln uns Im Namen des Vaters …oder: Wir kommen zusammen Im Namen des Vaters …».

Es ist interessant nachzulesen, wie gerade dieses Problem des trinitarischen Beginns mit dem Kreuzeichen in der Messreform 1968 leidenschaftlich diskutiert wurde. Die Berater des Consiliums waren strikte dagegen, während Papst Paul VI. ganz klar darauf bestand [ebd. S. 396 - 404].

Liturgie als dialogaler Austausch

Vom Gesang zum Einzug erhofft man sich also, dass «die Verbundenheit aller Teilnehmer vertieft wird». Dafür besonders geeignet sind dialogal angelegte Gesänge. Formale Hinweise wie Kehrvers (Kv), Refrain (Rfr) und V/A machen darauf bereits aufmerksam. Das liturgische Grundgesetz vom dialogalen Austausch (sacrum commertium) ist auch im Lied vermehrt wiederum ein Thema. Dem Wechselgeschehen im Umgang mit dem Kehrvers, dem Refrain oder dem Austausch zwischen V und A liegt zwar auch eine ‚psychodynamische Komponente‘ zugrunde: Das Singen wird kommunikativer, lebendiger, entlastender. Doch dies ist nicht alles. Die Gestik des «Aufeinanderzu» ist wie alles liturgische Tun auf der Zeichenebene zu sehen. Möglicherweise erfahren die Teilnehmenden dieses gesungene Zeichen noch viel direkter und unmittelbarer als andere Zeichen, weil es schon im Formablauf gegeben ist. Vermehrte responsoriale und dialogale Abläufe im Lied haben es also nicht mit liturgischer Beschäftigungstherapie zu tun   ̶  wie Kritiker gelegentlich sagen, als vielmehr mit dem Wesen der Liturgie. Schon ein erster Augenschein in neueren Gesangbüchern zeigt, dass ungefähr ein Drittel des Gesangrepertoirs ohne die Mitwirkung von Vorsängern und Vorsängerinnen kaum mehr verwendbar ist.

 

NEBENBEI

Die Stehpredigt

Die Einführung sollte knapp sein („brevissimis verbis“) und sich nicht zu einer ersten Predigt ausweitet, die man stehend anhört. Die Unsitte langer Einführungen hat sich bereits früh verbreitet. Th. Schnitzler stellt 1976 fest: «Manchmal kann man das Gerede im Stil des Rundfunkansagers kaum ertragen.» [Th.Schnitzler, Was die Messe bedeutet, Freiburg 1976, S.63].  E. J. Lengelin spricht 1978 von «Sermonitis», A.Adam mahnt: «Man sollte sich von einem ausufernden Subjektivismus hüten, der auf Dauer für die Gemeinde unerträglich wird.» [A.Adam, Grundriss Liturgie, Freiburg 1998, S.138]. Wenn die Gemeinde zu dieser Einleitung zum Sitzen eingeladen wird, entspricht sie in der Regel kaum der gebotenen Kürze. Entsprechend den Regeln der Dramaturgie sollte auch inhaltlich nicht bereits auf Botschaft in der Lesungen vorgegriffen werden, z.B.: «In der Epistel hören wir ..., im Evangeliums sagt uns Jesus.» Dergleichen homiletische Impulse sind in Zusammenhang mit den Lesungen anzubringen. Stattdessen könnte ein kurzer Satz auf die Grundthematik aufmerksam machen und auf Kommendes hinführen, z.B.: «Die heutigen Lesungen nehmen uns in Pflicht, lassen uns andererseits aber auch nicht allein... » (Ende Nebenbei).

Walter Wiesli




WarenkorbWarenkorb