Katholisches Gesangbuch

Gloria   

Wie das Kyrie, so wurde auch das Gloria dem Ursprung nach nicht für die Messliturgie geschaffen. Es ist ein Erbstück aus dem Hymnenschatz der alten Kirche, ein kostbarer Überrest jener sehr reichen Literatur von gottesdienstlichen Gesängen, die in der jungen Kirche nach dem Vorbild der biblischen Gesänge – vor allem der Psalmen – erwachsen sind. Man nannte diese Gesänge «psalmi idiotici», selbstgemachte Psalmen im Gegensatz zu denen der Heiligen Schrift. Aus Angst vor häretischen Einflüssen wurden sie im Konzil von Laodicea (um 380) verboten. Nur wenige von ihnen haben sich bis in die Gegenwart erhalten, so in unserer römischen Liturgie das Te Deum und das Gloria der Messe. Als Spitze der Preisungen endet der Hymnus in ein trinitarisches Bekenntnis: «Jesus Christus – mit dem Heiligen Geist – in der Herrlichkeit Gottes des Vaters». Im Gegensatz zum Kyrie hat das Gloria eine trinitarische Grundstruktur. Leider kommt dies nicht in allen Gloria-Liedern zum Tragen. In KG 75 fiel die Geist-Strophe (4.Str.) weg, weil sie in ihrer Sprachgestalt für manche schwer nachvollziebar ist (vgl. RG 221). Das Lied lässt sich mit dem Inzipit-Kanon KG 75 (die ersten zwei Liedzeilen werden melodiegetreu übernommen) durchsetzen. Das Zitat Lk 2.14 greifen zwei weitere Kanons auf: KG 84 und 348.

Gloria (erster Teil) KG 82Gloria (erster Teil) KG 82
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Die älteste uns bekannte Singweise (vgl. KG 161) ist der Pater noster-Melodie der mozarabischen Liturgie (KG 124) verwandt und «war mehr eine mit gehobener Stimme vorgetragene Deklamation, als Gesang.» [P.J.Wagner, Einführung in die gregorianischen Melodien I, S.87]. Angesichts der zunächst nur spärlichen Verwendung des Gloria  ̶  und dann vorab nur bei festlichen Anlässen   ̶  dürfte sich das Volk diesen Gesang eher wenig angeeignet haben. Der hymnischen Gestik entsprechend ist dem Gloria eine aufwändigere musikalische Form durchaus angemessen, die einen alleinigen Vortrag durch den Chor rechtfertigt. Bekanntlich erleben viele ein aufmerksames Musikhören als «aktives Teilnehmen», ein Form der «participatio actuosa», die in der Liturgie andernorts ebenfalls gefragt ist. Es hat sich gezeigt, dass «durchkomponierte Gloria-Gesänge» (ohne gleich bleibende Motivik) an die Gemeinde Anforderungen stellen, die in der Praxis nicht von allen Pfarreien leistbar sind. (vgl. KG 81). KG 82 überlässt deshalb der Gemeinde lediglich den akklamatorischen Ruf: «Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten sich an». Trotzdem kann nicht in Abrede gestellt werden: Unsere üblichen Gloria-Lieder sind nur ein Behelf und vermögen die Fülle des ganzen Hymnus nur mangelhaft zu artikulieren.   

                                                                                                                      Walter Wiesli




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