Katholisches Gesangbuch

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Inklusive Sprache   

Die inklusive Sprache und der Streit um den «Herrn»

Jede Gesangbuchkommission muss sich heute mit dem Thema «inklusiven Sprache» (Sprechweise, die niemanden ausschliesst) beschäftigen. So nahm sich eine Gruppe von Frauen vor, barocke Lieder unter dieser Rücksicht zu studieren und gegebenenfalls sprachlich zu verbessern. Bald mussten sie allerdings einsehen, dass dieses Anliegen nicht realisierbar ist. Denn in der barocken Frömmigkeit bestimmt das biblisch-patriarchale Denken derart das Lebensgefühl, dass eine Veränderung von ein paar Wörtern meist wenig bringt oder sogar Widersprüche schafft. Sie wurde notgedrungen auch mit der Frage konfrontiert, ob es statthaft sei, in Dichtungen von Paul Gerhardt (+1676) oder Johann Scheffler (+1677) und andern Eingriffe vorzunehmen. Damit war bald einmal allen Verantwortlichen klar, das bezüglich «inklusiver Sprache » eine Sprachbereinigung für diese Epoche aus Respekt vor der Vergangenheit notgedrungen ein Kompromiss bleiben musste. Am Beispiel des Titels «Herr»  wurde übrigens deutlich, dass es zwischen Reformierten und Katholiken eine zumindest teilweise unterschiedliche Sprachwahrnehmung gibt. Als Hoheitstitel für Jesus Christus (Kyrios) ist er uns aus der Liturgie vertraut und in Analogie dazu als Anrede für Gott nicht fremd. Bei  Reformierten erregte diese Bezeichnung für Gott häufig Widerspruch. Begründete Änderungen in diesem Punkt wurden teilweise auch von uns übernommen. Autorinnen und Autoren wurden gebeten, eine Sprache zu wählen, die sich für eine Vielfalt von Gottesbildern offen hält und niemanden ausschliesst, was im Blick auf den Titel «Herr» nicht von allen Rechteinhabern gestattet wurde. Vor allem aus Gründen der Singbarkeit von Psalmen entschloss man sich im KG für eine Übernahme der Einheitsübersetzung, obwohl gerade diese bezüglich der inklusiven Sprache Wünsche offen lässt. Man darf gespannt sein, wie dieses Problem in der revidierten Einheitsübersetzung gelöst wird.

Die Sprache der sakramentlichen Riten durfte im KG im Blick auf eine inklusive und verständliche Sprache nicht geändert werden, was zwangsläufig immer wieder zu sprachlichen Ausgrenzungen führt. So kommen beispielsweise bis heute in vielen liturgischen Texten die Frauen als Gruppe nicht vor. Da ist zwar häufig von «Brüdern» und «Vätern», aber selten von «Schwestern» und «Müttern» die Rede. Auch das trinitarische Gottesbild betont die männlichen Attribute. Während der Titel «Jesus Christus, unser Bruder und Herr» allen genehm war, galt dies nicht für den Vorschlag «Gott, uns (wie) Vater und  Mutter».  Öfters weicht das KG auf geschlechtsneutrale Formen aus (Seelsorgende, statt Seelsorgerund Seelsorgerinnen), geschlechtsneutral sind im Plural (Nominativ) auch Bezeichnungen von Personen wie Behinderte, Hilfesuchende usw. Das Splitting (ein/e Kranke/r) wurde als unschön vermieden, ebenso die Gross-I-Schreibung (PastoralassistentIn).

                                                                                                                             Walter Wiesli




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