Katholisches Gesangbuch

Bussakt mit Lied   

Mit drei konkreten Beispielen soll gezeigt werden, wie anhand eines Liedes in den Gottesdienst eingeführt und die Verbindung zum Bussakt und Kyrie gestaltet werden könnte. Voraussetzung dazu ist eine vertiefte Kenntnis des Eröffnungsliedes (Ökumenischer Liederkommentar ÖLK). Wir wählen dazu die Adventszeit.

KG 306: Das Volk, das noch im Finstern wandelt

Das Lied stammt ursprünglich aus den Niederlanden (Liedboek voor Kerken 1973). Jürgen Henkys schuf daraus eine deutschsprachige Fassung (1981). Der niederländische Autor Prof. J.W.Schulte Nordholt, Zeitgenosse zweier Weltkriege, hat bei den stampfenden Stiefeln wohl an Jes 9, gedacht, – noch immer die stampfenden Stiefel des Militärs im Ohr. Die Melodie ging 1989 aus einem NSK-Wettbewerb hervor. Sie stammt von Maria Lohuus (Pseudonym für Margrit Jenny).

Das «Land der Finsternis» ist in Jes 9,1 wie auch in diesem Lied zunächst eine politische Anspielung, verweist dann aber in Jes 9,5 («Denn uns ist ein Kind geboren») auf einen heilsgeschichtlichen Kontext, den der Herrschaftstitel verstärkt. Verbunden mit Lk 1,32f wird Jes 9,5f in der Christmette auf Jesus Christus bezogen. Der Mensch in der Finsternis wird in der Adventszeit aber auch in einem umfassenderen heilgeschichtlichen Kontext gesehen, vgl. die O-Antiphonen («sedentes in tenebris», 20.21.Dez). Die Eröffnung könnte konkret folgendermassen gestaltet werden:

Liturgischer Gruss:

Gnade und Friede von dem, der ist und der war und der kommen wird, sei mit euch.   

Kurze Einführung:

Liebe Schwestern und Brüder

Im Advent werden die Nächte länger. Gegen ihre Dunkelheit kommen auch die vielen Lichter in den Strassen und Stuben nicht auf. Das Lied bei KG 306, mit dem wir uns in den Gottesdienst einstimmen, erinnert an die Dunkelheiten in der Welt und wohl auch in uns, wirft aber auch ein hoffnungsvolles Licht hinein in «Finsternis und Todesschatten». Wir wollen uns in dieser Feier für diese Hoffnung öffnen. (Lied 306 singen)

Bussakt und Vergebungsbitte:

Lassen wir die Bilder dieses Liedes nochmals auf uns wirken und fragen wir uns, welchen Anteil wir daran haben:

  • am Unfrieden, wo Macht und Gewalt mitmenschliches Leben niedertritt
  • an den Tränen der Vielen im Dunkeln und in der Hoffnungslosigkeit  
  • an der Verlassenheit und Einsamkeit jener, für die sich niemand interessiert      

Der Gott, der uns ins Licht führt, der unsere Namen alle kennt, er befreie uns aus der Finsternis von Sünde und Schuld in seinem Sohn, dem «Sohn Gottes, der das Zepter hält.» Amen.

Kyrie:

So grüssen wir jetzt den unter uns gegenwärtigen Herrn, unser Heil, unser Licht, unsern Trost.

(Kyrie-Tropus KG 296).

Lesung:

Jes 9,1-6

KG 302: O Heiland, reiss die Himmel auf

O Heiland, reiss die Himmel auf KG 302O Heiland, reiss die Himmel auf KG 302
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Im Dreissigjährigen Krieg 1622 entstanden, wurde das Lied «O Heiland reiss die Himmel auf» zu einem der wichtigsten, konfessions-übergreifenden Adventslieder. Der niederrheinische Dichter und Jesuit Friedrich Spee (1591–1635) äussert mit erregten Gefühlsausbrüchen die Not dieser Jahre. Ungeduldige Rufe (O, Ach) leiten die Sätze ein und das ungestüme Drängen (reiss auf, reiss ab, komm, komm herab, schlag aus, brecht aus) lässt nicht ab. Die archetypischen Bilder aus dem Alten Testament zeichnen kosmische Perspektiven: Ausweglose Schuldverstrickung und Todverfallenheit. Dazu kontrastiert die Zusage vom rettenden Eingreifen Gottes im Bild vom Tau, der sich erquickend auf die Erde senkt und neues Leben schafft. Nach den drei Hoffnungsstrophen bricht nochmals die ganze menschliche Not ungefiltert durch. Spee, als 44jähriger selbst ein Opfer dieses Krieges, weiss, wovon er spricht. Er schreibt den «Hexenhammer», steht sterbenden Hexen auf dem Scheiterhaufen bei, erntet aber dafür nur Widerspruch. Auf die uralte Menschheitsfrage «Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?» gibt das Lied nur eine verschlüsselte Antwort, verborgen in der Bitte und der sie tragenden Hoffnung.

Liturgischer Gruss:

Gnade und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus, sei mit euch. 

Kurze Einführung:

Ein Lied, entstanden im Krieg vor rund vierhundert Jahren: Wer in dieser noch immer von Kriegen geschundenen Menschheit möchte nicht mitrufen und mitschreien: «O Heiland, reiss die Himmel auf»? Dieser Ruf des Dichters Friedrich Spee im Dreissigjährigen Krieg (um 1622) ist kein stilles Bittgebet, eher einer Verzweiflungsschrei: Komm endlich, komm herab, reiss ab Schloss und Riegel, wo bleibst du denn…? Menschen in Palästina, in Afghanistan, im Sudan und anderswo kennen diesen Schrei. Wer in sein eigenes Leben hinein hört, dem ist solches Rufen ebenso nicht fremd. Lassen wir das Lied an unsere Haut gehen und machen wir uns seine Bitte zu Eigen. (Lied 302 singen)

Bussakt und Vergebungsbitte:

Guter Gott,

  • Wir sind oft so verschlossen und vernagelt: Reiss auf, wo Schlosss und Riegel sind.
  • Wir kommen uns oft vor wie ausgebranntes Erdreich: Im Tau herab, o Heiland fliess.
  • Wir verdrängen den Tod und dein Gericht: Führ uns vom Elend zu dem Vaterland.

«O Gott, ein Tau vom Himmel giess:» auf alles, was ausgebrannt, unfruchtbar, trost- und hoffnungslos ist. Lass Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, in unsern Herzen aufgehen und uns ihm anvertrauen, ihm, der uns führen will mit starker Hand. Amen.

Kyrie:

Jesus Christus, der unsre Menschenwürde erneuert, uns seinem Bild gleich gestaltet und uns Anteil gibt an seinem Reich, ̵̶  ihn wollen wir grüssen in unserer Mitte im Kyrie-Ruf:

(KG 65: Herr, nach dessen Plan wir Menschen wurden.)

KG 310: Die Nacht ist vorgedrungen

Wenn wir die fünf Strophen überfliegen, stellen wir fest, dass vier mit dem Stichwort «Nacht»  oder «Dunkel» beginnen: Die Nacht ist vorgedrungen (1.), Die Nacht ist schon im Schwinden (3.Str.), Noch manche Nacht wird fallen (4.Str.), Gott will im Dunkel wohnen (5.Str.). Schon in der 1.Str. wird deutlich, wie der Dichter Jochen Klepper (1938) mit dem Dunkel umgeht: Es wird nicht vom hellen Licht der Sonne besiegt (die Sonne kommt im ganzen Lied nicht vor), und «Angst und Pein» nach einer durchweinten Nacht werden nicht beseitigt. Sie beide bleiben und werden lediglich erhellt und aufgelichtet vom «hellen Morgenstern», - auch er, kein Ersatz für die Sonne oder das Taglicht. Klepper weiss, wovon er spricht. Zwischen «Nacht und Nacht» hat er sein ganzes Leben zugebracht, bis er schliesslich in einer letzten Nacht vom 10.Dezember 1942 zusammen mit seiner jüdischen Frau und deren jüngster Tochter freiwillig aus dem Leben scheidet. Er sah darin die einzige Lösung, einer durch die Nazis geforderten Zwangsscheidung mit anschliessender Deportation von Gemahlin Hanni und Tochter Renate ins KZ aus dem Weg zu gehen. Die Nächte der Passion werfen aber schon Jahre zuvor ihre langen, dunklen Schatten voraus. Klepper ahnte sie und vermag auch Weihnachten nicht ohne sie zu denken, wie dies in einem Gedicht von 1938 bereits durchscheint:

«Die Welt liegt heut um Freudenlicht,
Dein aber harret das Gericht.
Dein Elend wendet keiner ab.
Vor deiner Krippe gähnt das Grab.» 

Der Todesabgrund, der das Leben einkreist, bleibt, aber der Mensch fällt nicht ins Bodenlose, sondern in Gottes Arme:

«In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir und allen.
Du birgst mich in der Finsternis.»

Liturgischer Gruss:

Gnade und Friede von dem, der ist und der war und der kommen wird, sei mit euch.

Kurze Einführung:

Viele lieben die langen Winternächte mit dem Spiel der Lichter, der bergenden Stubenwärme und der Vorfreude auf Weihnachten. Für andere sind diese Nächte ein Bild ihrer dunklen Gegenwart und  Zukunft, den Vorboten des letzten Scheiterns in Leiden und Tod. Trägt dann unsere Adventshoffnung noch? Das Lied KG 310, das uns in diesen Gottesdienst hineinführt, lässt uns darüber nachdenken. (KG 310 singen)

Bussakt und Vergebungsbitte:

Guter Gott,

  • Schuld und Sünde sind Nachtseiten, denen wir aus eigener Kraft nicht entrinnen: Herr …
  • Es gibt einen Ausweg, …wenn wir dem Kinde glauben! Christus …
  • Doch selbst im Dunkel wohnst du bei uns, du lässt uns nie im Stich. Herr …

Guter Gott, lass uns nicht allein in unsern Nächten. In der Angst, endgültig zu scheitern, lass uns dem Kind, deinem Sohn vertrauen. Du schenkst uns die Gewissheit: «Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.» Amen.

Kyrie:

Jesus, den mit uns wandernden Stern der Gotteshuld, besingen wir im Kyrie. (KG 69: Kanon einstimmig, dann mehrstimmig).

Walter Wiesli




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