Katholisches Gesangbuch

Kyrie   

Vorkommen im ersten Jahrtausend

 

400

 

In der Jerusalemer-Liturgie nachweisbar (Pilgerin Aegeria)

 

450

 

«Oratio fidelium» zu Beginn der Gläubigenmesse: Ausgedehnt wie die östlichen Ektenien.

 

500

 

Deprecatio Gelasiani: Kürzere Bitte, vom Volk mit «Kyrie eleison» beantwortet. Eventuell bereits in der Katechumenenmesse verwendet.

 

600

 

Gregor der Gr. (604): Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison. In einfachen Messen wohl ohne Litanei.  Jetzt am Anfang der Feier.

 

700

 

In der römischen Papstliturgie verselbständigt: 3mal Kyrie, 3mal Christe, 3mal Kyrie

 

850

 

Amalar: Bei den Franken trinitarisch, wohl antiarianisch begründet.

 

1000

 

Musikalisch entfaltet, im Kloster St.Gallen tropiert (syllabische Textunterlegung).

Sinngehalt

Der griechischsprachige Ruf «Kyrie eleison» ist keine christliche Schöpfung, schon in vorchristlicher Zeit nachweisbar, Gemeingut heidnisch-religiöser Praxis. Seinem Wortlaut entsprechend handelt es sich  ursprünglich um einen Bittruf, der jedoch eine markante Veränderung erfährt: Er wird in der antiken Welt zum Ausdruck einer feierlicher Huldigung und Verehrung. Er gilt demjenigen, von dessen Huld und Gnadenerweis sich der Rufende abhängig weiss; für die alten Römer sind dies der Sonnengott, der Triumphator und der als göttlich verehrte Kaiser, für die Christen ist dies ihr Kyrios: Jesus Christus, der Erhöhte und bei Gott Verherrlichte, dem allein sie huldigen. In der römischen Liturgie wurde der Kyrie-Ruf mehrheitlich  christologische, nicht trinitrisch verstanden, - diese sind wohl eine Ausnahme.

Aufgrund oftmaliger Wiederholung (z.B. in der Ostkirche) hat es Litanei- oder Rufcharakter. Als Volksruf  wurde es seit dem 12. Jh. oft ins Lied interpoliert.  Als solches begegnet es uns bis heute in den Leisen. So beispielsweise im «Christ ist erstanden» (KG 436), das seinerseits wieder in die Ostersequenz als Volks-Strophe interpoliert wurde [vgl. Werkheft I zum KG, CD Nr.].

Verfremdung des Kyrie

Der Huldigungscharakter des Kyrie wird in unsern Gottesdiensten oft verdunkelt. Beigetragen hat dazu die nachkonziliäre Reform, die den Kyrie-Ruf mit dem Allgemeinen Schuldbekenntnis verbindet: Es gerät damit in die Nähe zum Bussakt und wirkt wie dessen Anhängsel. Der eigentliche Sinn des Kyrie könnte neu belebt werden, wenn man die Chancen des Bussaktes C wirklich nutzte: Die Anrufungen sollten den erbarmenden Herrn preisen, wie dies das Messbuch MD so vorsieht:«Bei dieser Form können den Kyrie-Rufen frei formulierte Christus-Prädikationen vorausgeschickt werden.» [MB 1975 S.328]. Prädikationen / Preisungen sind positive, befreiende Aussagen über Christus, den Retter, den Heiland, den Erlöser, den Freund der Sünder. Wenn diese Anrufungen bewusst als Rühmung formuliert werden, wird Kyrie nicht zu einem (zweiten) Bussakt.

Gestaltung 

Wo man diese Fehlentwicklung vermeiden und unseren Gemeinden das Kyrie als feierlichen Huldigungsruf an den erhöhten Herrn zurückgeben will, können folgende Hinweise hilfreich sein:

  • Das Kyrie ist in der Regel zu singen. Zahlreiche Kyrierufe stehen aus alter und neuer Zeit im KG zur Verfügung (50-59). Der Modelltyp KG 50 (Thurmair/Rohr, basierend auf dem gregorianischen Kyrie XVI) fügt sich siebenmal ein in den jeweiligen Gehalt liturgisch geprägter Zeiten: KG 50, 296, 330, 376, 386, 435, 480). Dieser Typ Kyrie-Tropus ist beispielhaft vertreten in den auskomponierten Tropen: KG 60, 61, 63 und 64. Beachtenswert sind einige gregorianische Kyrie-Rufe: KG 158–160.
  • Um der Christus-Prädikation bei besonderen Anlässen mehr Gewicht zu geben, bieten sich die einem gesummten Akkord unterlegten Prädikationen des Taizé-Kyrie KG 71 an. Als Kyrie verwendet, endet die Prädikation mir «Wir preisen dich», nach gesungenen Fürbitten mit: «Wir bitten dich».  Auf der Silbe «dich» führt die Kadenz zur Dominante (5.Stufe) und lädt zum Kyrie-Ruf ein.

Kyrie-Ruf KG 159Kyrie-Ruf KG 159
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Normalerweise ist die griechischsprachige Fassung des Kyrie-Rufes zu bevorzugen, wenn man dem Bittcharakter, den der Wortsinn nahe legt, vermeiden will. Die Verbindung des griechischen Kyrierufs mit deutschen Texten (z.B. KG 60) hat in der Kirchenliedgeschichte eine lange Tradition.

NEBENBEI

Die inklusive Sprache und der Streit um den «Herrn» 

Im Zusammenhang mit der «inklusiven Sprache» (Redensart, die niemanden ausschliesst, z.B. die Frauen) wird in Gesangbuchkommissionen immer wieder über den Titel «Herr» gestritten. Darum nahm sich eine Gruppe von Frauen vor, barocke Lieder insgesamt im Sinn der inklusiven Sprache zu purgieren. Bald mussten sie einsehen, dass dieses Anliegen nicht realisierbar ist. Denn in der barocken Frömmigkeit bestimmt das biblisch-patriarchale Denken derart das Lebensgefühl, dass eine Änderung von wenigen Wörtern meist wenig bringt oder sogar Widersprüche schafft. Es kommt dazu, dass es wohl kaum statthaft ist, in Dichtungen von Paul Gerhardt (+1676) oder Johann Scheffler (+1677) Eingriffe vorzunehmen. Die Sprachbereinigung im KG bleibt zumindest für diese Epoche aus Respekt vor Vergangenheit notgedrungen ein Kompromiss. Am Beispiel des Titels «Herr» wurde übrigens deutlich, dass es zwischen Reformierten und Katholiken eine mindestens teilweise unterschiedliche Sprachwahrnehmung gibt. Als Hoheitstitel für Jesus Christus (Kyrios) ist er uns Katholiken aus der Liturgie vertraut und in Analogie dazu als Anrede für Gott nicht fremd. Reformierterseits erregte speziell diese Bezeichnung für Gott häufig Widerspruch. Begründete Änderungen in diesem Punkt wurden teilweise auch von uns übernommen. Autorinnen und Autoren wurden gebeten, eine Sprache zu wählen, die sich für eine Vielfalt von Gottesbildern offen hält und niemanden ausschliesst, was im Blick auf den Titel «Herr» nicht von allen gestattet wurde. Vor allem aus Gründen der Singbarkeit von Psalmen entschloss man sich im KG für eine Übernahme der Einheitsübersetzung, obwohl gerade diese bezüglich der inklusiven Sprache Wünsche offen lässt. Man darf gespannt sein, wie dieses Problem in der revidierten Psalmenübersetzung gelöst wird.

Die Sprache der sakramentlichen Riten durfte im KG im Blick auf eine inklusive und verständliche Sprache nicht geändert werden, was zwangsläufig immer wieder zu sprachlichen Ausgrenzungen führt. So kommen beispielsweise bis heute in vielen liturgischen Texten Frauen als Gruppe nicht vor. Da ist zwar häufig von «Brüdern» und «Vätern», aber selten von «Schwestern» und «Müttern» die Rede. Auch das trinitarische Gottesbild betont die männlichen Attribute. Während der Titel «Jesus Christus, unser Bruder und Herr» allen genehm war, galt dies nicht für die Überschrift «Gott, uns (wie) Vater und  Mutter».  Gelegentlich weicht das KG auf geschlechtsneutrale Formen aus wie Seelsorgende (statt Seelsorger und Seelsorgerinnen), geschlechtsneutral sind im Plural (Nominativ) auch Personenbezeichnungen wie Behinderte, Hilfesuchende usw. Das Splitting (ein/e Kranke/r) wurde als unschön vermieden, ebenso die Gross-I-Schreibung (PastoralassistentIn). (Ende Nebenbei).

Walter Wiesli

 




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