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Walter Wiesli
Christ ist
erstanden (KG 436 / RG 462) (MP3, 1.25 MB)
Dieses vermutlich älteste Kirchenlied in deutscher
Sprache reicht zurück ins 12. Jahrhundert.
Das abschließende Kyrieleis des ursprünglich
einstrophigen Liedes gab diesem Liedtyp die Bezeichnung "Leise".
Zahlreiche Dokumente bestätigen eine rasche Verbreitung
seit dem 13. Jahrhundert und belegen seine große
Beliebtheit. Im Volk und in Klöstern, bei Tafelrunden
des Adel und auf Ritterburgen wird es gesungen, in
Liturgie und Osterspielen ist es nicht wegzudenken.
Immer wieder bricht die Begeisterung durch, die das Lied
entfacht. So beispielsweise bei Georg Wicel im Jahr
1550: "Hier jubliert die ganze Kirch mit schallender
hoher Stimm und unsäglicher Freude" (Psalter
ecclesiasticus) und Martin Luther vermerkt: "Alle Lieder
singt man sich mit der Zeit müde, aber das "Christ ist
erstanden" muss man alle Jahre wieder singen". Im 15.
Jahrhundert wächst eine zweite Strophe hinzu und wird
das Halleluja in die dritte eingefügt. Bereits im 14.
und 15. Jahrhundert ist der Brauch belegt, die
lateinische Ostersequenz "Victimae paschali laudes" mit
dem vom Volk gesungenen "Christ ist erstanden" zu
unterbrechen. (Diese Ausführung ist auf der KG-CD "Vielfalt
der Formen" Nr. 14 festgehalten). Der Ursprung des
Liedes scheint denn auch in dieser Sequenz zu liegen,
deren Schöpfer Wipo von Burgund (995–1050) war (vgl.
nächster Abschnitt). Beide Melodien charakterisieren
ein herbes, klar strukturiertes Dorisch, eine ähnliche
Motivik, das Vermeiden des Leittons h, die strenge
Wortgebundenheit der Melodie und die Einfachheit des
Aufbaus.
Victimae paschali
laudes (KG 433) (MP3, 1.25 MB)
Die Ostersequenz "Victimae paschali laudes" gehört
zu den fünf Sequenzen, die nach der tridentinischen
Reform noch beibehalten wurden (neben "Dies irae", "Lauda
Sion", "Stabat mater" und "Veni Sancte Spiritus"). In
fast tausendjähriger Tradition verbreitet besingt sie
das Ostergeheimnis in dramatischer Entfaltung und
zugleich klassischer Prägnanz. Im Gegensatz zu andern
Sequenzen liegt hier noch eine ursprüngliche Form vor:
Kein einheitliches Versmaß, nur sibenzählend und ohne
durchgängiges Reimgefüge.
Der Verfasser der Sequenz Wipo von Burgung (Kurzform
für Wigbert, auch Wigbert von Solothurn genannt) dürfte
um 995 im deutschsprachigen Teil Burgunds in oder bei
Solothurn geboren sein. Solothurn gehörte zum Bistum
Lausanne, das wiederum dem Erzbistum Besançon
unterstand. Seiner hohen Bildung verdankt er viele
freundschaftliche Beziehung zu den Großen seine Zeit.
Als Freund das Kaisers Konrad II nahm er 1027 an dessen
Kaiserkrönung in Rom teil, später wirkt er als Erzieher
des jungen Heinrich III. Gegen Ende seines Lebens zog er
sich ins bayrisch-böhmische Grenzgebiet zurück, um
dort das Leben als Eremit um 1050 zu beschließen. Seine
Präsenz in dieser Region erklärt vermutlich die
dortige frühe Verbreitung von "Christ ist
erstanden". Der anstößige Vers 6 der
nachfolgenden Übersetzung nach dem Codex Einsiedeln 366
wurde im Römischen Missale von 1570 eliminiert.
- Dem Osterlamm sollen Lobgesänge weihen die
Christen.
- Das Lamm hat die Schafe erlöst.
Christus, ohne Schuld, hat die Sünder mit dem Vater
versöhnt.
- Tod und Leben rangen in wundersamem Zweikampf.
Der Fürst des Lebens starb, als Lebender herrscht
er jetzt.
- Künd uns Maria, was du unterwegs gesehen hast.
"Des auferstandenen Christus Grab hab" ich gesehen
und die Herrlichkeit des Auferstandenen
- und Engel als Zeugen, das Schweißtuch und die
Leinentücher. Auferstanden ist Christus, meine
Hoffnung. Vorangehen wird er den Seinen nach Galiläa."
- Glauben schenken muss man mehr Maria, der allein
Wahrhaften, mehr als der Juden falscher Schar.
- Wir wissen, Christus ist wahrhaft auferstanden von
den Toten. Du siegreicher König, erbarme dich
unser.
Mit dem melodischen Duktus ist bereits eine klare
Struktur gegeben: Die erste Doppelstrophe (Verse 2+3:
dramatische Schilderung des Erlösungsgeschehens) benützt
die oberen Register der Tonart (authentisches Dorisch),
die zweite (Verse 4+5: osterspielähnlicher Dialog mit
Maria) bewegt sich im tieferen Register (plagales
Dorisch). Umrahmt werden beide Doppelstrophen von einem
einleitenden Aufruf zum Osterlob (Dem Osterlamm sollen
Christen Lobgesänge weihen) und einem abschließenden
Osterbekenntnis (Wir wissen, Christus ist wahrhaft
auferstanden). Die Sequenz findet sich in zahlreichen
Handschriften des 11. und 12. Jahrhunderts. Zu den frühesten
mit Neumen (Notenschrift) versehenen Manuskripten gehören
die aus Benediktinerklöstern stammenden Codices
Einsiedeln 366 (12. Jh.) und Rheinau 132 (11. Jh.).
Die vom ältesten deutschsprachigen Osterlied
angestimmte Osterbotschaft "Christ ist erstanden" findet
ein Echo in der Musikgeschichte aller Jahrhunderte. Das
KG nimmt sein Eingangsmotiv a-g-a-c-d-a in mehreren Gesängen
auf, die nachfolgend kurz vorgestellt werden:
Christus und alle,
Christus und alle Welt (KG 453) (MP3, 868 kB)
Zu einem Text von Kurt Rose (+1999) verbindet Linus
David (*1935) auf originelle Weise fast intervallgetreu
die Motive 1-2-5-1 des Liedes "Christ ist erstanden".
Der zweizeilige Ruf eignet sich als Leitvers und lässt
sich auch als Kanon ausführen. Im KG-Vorsängerbuch
"Cantionale"
(S. 316) entfaltet er sich zur Vierstimmigkeit, wobei
das überraschend eingeführte Oster-Halleluja (KG
429.1) die Führung übernimmt und einen strahlenden
Dur-Schluss herbeiführt.
In der Welt habt ihr
Angst (KG 448 / RG 668) (MP3, 735 kB)
Völlig anders nähert sich Friedemann Gottschick
(*1928) dem Ostermotiv. Monoton hämmern fünfzehn
gleiche Töne in anapästischen Rhythmen (. . _) Jesu
Worte aus den Abschiedsreden "In der Welt habt ihr Angst".
Die Rhythmusfolge hört sich an wie ein von beklemmender
Angst verkrampftes Herzpochen. Im Aufstieg zur Terz und
in der Trost-Zusage löst es sich allmählich, um nach
einem nochmaligen Terzsprung im Ostermotiv in die
befreiende Botschaft einzumünden: "Ich habe die Welt überwunden"
(Joh 16,33b). Die Gemeinde nimmt sie auf und bekennt: "Christ
ist erstanden".
Das könnte den Herren
der Welt ja so passen (KG 444 / RG 487) (MP3, 781
kB)
Nach dem in der Kirchenliedgeschichte bekannten
Parodieverfahren greift Peter Janssens (+1998) Motive
des Osterliedes "Christ ist erstanden" zur Vertonung
eines Textes des Dichterpfarrers Kurt Marti (*1921) auf.
Zu Motiven des ältesten Osterliedes wird auf überraschende
Weise eine politische Botschaft transportiert: Die Vertröstung
auf die jenseitige Auferstehung darf nicht genügen. Der
Text insinuiert, dass die "Herren der Welt" die von
ihnen Unterdrückten und Geknechteten mit dem Trost auf
das jenseitige Glück darnieder halten und gefügig
machen. "Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, ist
schon auferstanden und ruft uns jetzt alle zur
Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren." Angeprangert wird jede
Herrschaft, die Menschen und das Leben insgesamt unterdrückt,
ausnützt und versklavt. Dem "Suchen, was droben ist" (Kol
3,1) wird als Folge der Auferstehung Jesu ein ebenso
konsequentes Handel "nach unten" gegenüber gestellt.
Der "Fürst des Lebens" (Ostersequenz) fordert den
kompromisslosen Einsatz für das Leben. Nachdem die
Melodiemotive 1 und 2 zu Beginn des Liedes ihre
Signalwirkung nicht verfehlen, bleibt trotz leichter Veränderung
der Motive 3, 4 und 5 die Assoziation an den Ursprung
der Melodie ungeschmälert erhalten.
Ich will euch Zukunft
und Hoffnung geben (KG 311 / RG 849)
Nochmals klingt das Ostermotiv auf in einem kurzen
Kanon, den das KG in der Adventszeit platziert. Das
Ostermotiv (a-g-a-c-d-a), mit der sich die jesajanische
Verheißung auf Zukunft und Hoffnung hier assoziiert,
gibt eine christliche Deutung, wie und wo sich alle
prophetischen Hoffnungen erfüllen.
Der Komponist Arthur Eglin (*1932) nutzt hier
nochmals die motivische Signalwirkung, die keiner
weiteren Erklärung bedarf.
Amen, Halleluja (KG 122.4
)
Im Bemühen, dem wichtigsten Amen-Ruf in der
Eucharistiefeier mehr Gewicht zu geben, bietet das KG
sechs mehrstimmige Amen-Vertonungen an, die sich an den
Schluss der Großen Doxologie anfügen lassen. KG 122.4
nimmt zunächst unisonisch das Ostermotiv a-g-a-c-d-a
auf und führt es mit dem ersten Motiv des österlichen
Halleluja (KG 429.1) in einen vierstimmigen Dur-Schluss.
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