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  Liedmeditation zu KG 377  
 


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Walter Wiesli

Wir ziehen vor die Tore der Stadt (KG 377 / RG 378)

Text: Gottfried Schille 1971
Melodie: Manfred Schlenker 1971
Rechte: Text beim Autor. Melodie: © Deutscher Verlag für Musik, Leipzig

Vorbemerkungen
Das Lied "Wir ziehen vor die Tore der Stadt" steht im neuen KG zu Beginn der Fastenzeit. Im Blick auf seinen Gehalt ist es ebenso in der Adventszeit oder an Christus-Festen verwendbar. Es repräsentiert einen neuen Typ von Gemeindeliedern, der mit dichten und aussagestarken Texten die biblische Botschaft auf eine zeitgemäße Weise zur Darstellung bringt. Die folgende Liedmeditation möchte das Lied der Gemeinde im Gottesdienst näher bringen und geistlich erschließen. Dabei ist sorgsam darauf zu achten, dass die Teilnehmenden dies nicht als bloße Liedprobe erleben. Durch behutsame Lernschritte wird sichergestellt, dass der Gemeindegesang erst dann einsetzt, wenn die Melodie nach mehrmaligem Hören bereits vertraut ist. In der Regel empfiehlt sich der Einsatz einer Ansinggruppe und von Instrumentalisten. Die sich zum Gottesdienst Versammelnden hören das Lied oder Motive daraus bereits beim Betreten des Raumes. Die Lied- und Bibelzitate können vom einem Lektor bzw. einer Lektorin gelesen werden.

Liebe Gemeinde,

wir lassen uns heute auf unserm Ausschreiten zum Osterfest von einem Lied begleiten. Es soll uns helfen, den Weg Jesu besser zu verstehen. Lieder in der Fasten- und Passionszeit waren uns schon immer wichtige Wegbegleiter zum Ostergeheimnis. Das Lied, dem wir uns heute zuwenden, ist dennoch von besonderer Art. Es unterscheidet sich im Ton von den meisten andern. Dies spüren wir bereits in den ersten Takten:

Musik: Ein Soloinstrument spielt die Melodie bis zur ersten Pause

Das Eingangsmotiv hört sich an wie der Beginn eines Marsches. Damit kein Zweifel entsteht, dass dieser Effekt gewollt ist, wiederholt der Komponist Manfred Schlenker das Schreitmotiv nochmals eine Stufe höher:

Musik: Ein Soloinstrument spielt die Melodie der ersten drei Zeilen (bis zum Wort "hat").

Wenn wir das Notenbild überfliegen, entdecken wir dieses Schreitmotiv dreimal. Der Text gibt unserm Höreindruck recht: Das Wegmotiv ist dem Dichterpfarrer Gottfried Schille entscheidend wichtig. Wer erinnert sich jetzt nicht an Redewendungen und Bilder, die uns in den Schriftlesungen vor Ostern mehrfach begegnen. Und auch hier: Die Bibel beschreibt keinen gewöhnlicher Weg über Land oder durch Städte und Dörfer. Es vibriert und knistert in der Wegbeschreibung des Markus (Mk 10,32): "Sie waren auf dem Weg nach Jerusalem hinauf. Jesus schritt ihnen voran. Darüber waren sie (die Jünger) ganz erschrocken und folgten ihm bangen Herzens". Unheil liegt in der Luft, - zögernd und ängstlich folgen sie ihm. Doch sie spüren: Wer mit Jesus gemeinsame Sache machen will, muss ihm folgen. Manch einer schaut sich um, findet aber keine bessere Alternative als jene des Petrus: "Wohin sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!" (Joh 6,68). Der Dichter betont es hartnäckig: Wer dem Herrn begegnen will, muss aufbrechen. Die letzten beiden Zeilen des Liedes tönen wie ein Programm: "Wir ziehen vor die Tore der Stadt und grüßen unsern Herrn". Wir hören es uns diese beiden Zeilen an und wiederholen sie gemeinsam.

Musik: Die Vorsänger/innen singen die letzten beiden Zeilen des Liedes, alle wiederholen sie.

Jesus schont seine Freunde nicht, er redet Klartext und beschönigt nichts: "Da nahm er die Zwölf wieder beiseite und begann mit ihnen von dem zu sprechen, was ihm bevorstehe. Wir ziehen jetzt nach Jerusalem hinauf!" (Mk 10,33). Der Blick richtet sich unverwandt auf das Ziel. Der ganze Mensch kommt in Bewegung mit all seinen Sinnen und Strebungen. Die einen schreiten erhobenen Hauptes aus, die andern schwach und matt. Doch alle kennen das Ziel: Die Begegnung mit dem Herrn. Davon singt die erste Strophe des Liedes. Wir hören sie uns an und wollen danach in sie einstimmen.

Musik: Die Vorsänger/innen singen die 1. Strophe, alle wiederholen sie.

(Hier kann eine Besinnung eingesetzt werden):
Überlegen wir in Stille: Folgen wir der Spur Jesu? Sind wir offen für Begegnungen mit ihm in welcher Form auch immer? Haben wir ein Ziel? Leben wir bewusst darauf hin, - oder leiten uns Zufälle, Modeströmungen? (Der Besinnung schließt mit einer Vergebungsbitte).

Der Satz "Wir ziehen vor die Tore der Stadt" weckt bei erstem Hinhören die Assoziation an den Einzug Jesu in Jerusalem. Aber dies kann hier nicht gemeint sein. Mit dem Stichwort "draußen" verweist das Lied auf einen Ort außerhalb der Stadt. Der Dichter denkt offensichtlich an einen biblischen Hintergrund, der den Christen im Zusammenhang mit dem Tod Jesu wichtig geworden ist. Wir lesen im alttestamentlichen Buch Leviticus über ein Ritual am jüdischen Versöhnungstag: "Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf eines lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll all ihre Sünden in die Einöde tragen." (Lv 16,21-22).

In der Einöde kommt der Sündenbock elend um und sühnt damit die Schuld, mit der er beladen wurde. Was lag für die jungen Christengemeinden näher, als in diesem Ritual eine Parallele zum Schicksal Jesu zu sehen: Jesus wird zum Sündenbock, dem die Schuld der ganzen Menschheit aufgeladen wird. Außerhalb der Stadt, ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, kommt er auf der Hinrichtungsstätte um.

Musik: Lied instrumental vorgetragen.

Das Wort "draußen" weckt Assoziationen: "Draußen vor der Tür" (Wolfgang Borchert), draußen... ausgegliedert aus dem Arbeitsprozess, der Konkurrenz erlegen, abgeschoben, zum Outsider gemacht; draußen... heimatlos, ehrlos, unnütz, zur Last geworden; draußen ... aus dem normalen Leben: Im Gefängnis, in der psychiatrischen Klinik, in der Verwahrung, unter Vormundschaft, draußen... an der Spritze, im Fixerraum, im Zwangsentzug.

Musik: Soloinstrument, zum Lied improvisierend

"Wir ziehen jetzt nach Jerusalem hinauf. Der Menschensohn wir den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden. Sie werden ihn zum Tod verurteilen...." (Mk 10,33). Der Tod draußen vor den Toren der Stadt war kein fataler Unfall, der schicksalshaft über Jesus kam. Er hat sich nicht einfach so und kopflos in sein Geschick verrannt. Die Devise "draußen" hat er sich selber gewählt. Im Text der zweiten Strophe spüren wir etwas von der Entschlossenheit, von der Unerbittlichkeit eines Weges, der durch nichts und niemanden vereitelt werden kann: "Er ist entschlossen Wege zu gehn, die keiner sich getraut. Er wird zu den Verstoßnen stehn, wird nicht nach andrer Urteil sehn. Er ist entschlossen Wege zu gehn, vor denen allen graut."

Manch einer kommt aus eigenem Verschulden ins "Draußen", ins Outside. Er nicht: Er ist entschlossen Wege zu gehen, vor denen allen graut. Zunächst ist es der Weg mit den gesellschaftlichen Gestrandeten: Mit den Dirnen, Betrügern, Ehebrechern, Verrätern. Dann wird der Weg immer enger und einsamer: Der Weg durch den Schauprozess, der Weg der Hinrichtung, - von Freunden und von Gott alleingelassen. Ein Weg des Grauens!

Musik: 2. Liedstrophe von Vorsängern gesungen, dann von allen wiederholt.

Die Ostererfahrung gab der jungen Gemeinde die Kraft, sich in der Gefolgschaft Jesu auf Wege einzulassen, "vor denen allen graut". Im Hebräerbrief, der am früher erwähnten jüdischen Versöhnungsfest anknüpft, scheint dazu eine Begründung durch, die den Christen Motivation und Kraft gab: "Auch Jesus hat, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten. Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach auf uns nehmen." (Hebr 13,12)

In der 3.Liedstrophe weitet sich die Szenerie zum Welttheater. "Draußen" heißt jetzt "vor den Toren der Welt". Zum Mitspielen werden alle genötigt, - vor allem die Jünger und Jüngerinnen. Dem Dichter liegt nochmals daran zu zeigen, dass das Schicksal Jesu kein fataler Unfall oder der Irrweg eines überspannten Idealisten war. Die Geburt im Viehstall und der Tod auf der Richtstätte markieren Eckpunkte, die für das Ganze stehen. "Welt" heißt alles, was das Leben anbietet, verheißt, lebenswert, angenehm und schön macht. Vor den Toren der Welt meint: Dies ist der Ort der Nichtarrivierten, der Gescheiterten, - jener, die das Leben verpassen, am Leben gehindert werden, zu kurz kommen, sich in Schuld verstricken. Hier ist Jesus zu suchen und zu finden.

Wir sind und waren immer schon Doppelbürger. Einerseits sind wir "drinnen", - das heißt: Wir sind getragen vom Glauben an einen tieferen Sinn, mehr oder weniger gesichert und versorgt, - nur deshalb kann ja der Ruf nach draußen sinnvoll sein. Andererseits hat jeder und jede von uns einen Schicksalsanteil am "Draußen": Im menschlichen Scheitern, in den Abgründen unseres Bösen, in unserer Todverfallenheit. Als vom "Draußen" ebenso Betroffene gilt uns das Trostwort, das der Schreiber des Hebräerbriefes vor der eben zitierten Stelle sagt: "Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht" (Hebr 13,5b).

Musik: Lied instrumental, danach 3. Str. durch die Vorsänger, dann von allen gesungen

Abschließend können Fürbitten angefügt werden.

Ein Beispiel: "Jesus ruft uns zu sich in der Gestalt eines Menschen, der uns braucht: Hilf uns, Herr, dass wir deinen Ruf verstehen." Als Bittruf singt die Gemeinde die Schlusszeile: "Wir ziehen vor die Tore der Stadt und grüßen unsern Herrn". Die Fürbitten schließen mit einem zusammenfassenden Gebet des Leiters oder der Leiterin oder mit dem Vaterunser.


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