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Walter Wiesli
Ein Kind geborn in Bethlehem
(KG 353 / RG 386)
Es mag verwundern, dass das KG wie auch das RG (ref.
Gb) dieses auf den ersten Blick kindliche, krippenspielähnliche
alte Lied in die neuen Gesangbücher aufnehmen. Man
meint die aufgegriffene Thematik bereits in vielen
andern Liedern zur Genüge abgehandelt zu wissen. Bei
genauem Zusehen allerdings entdeckt man «ein
klassisches, überaus ertragreiches Beispiel für die
Verwendung alttestamentlicher Aussagen zur Weitergabe
der neutestamentlichen Botschaft» (M.Jenny), eine
Praxis, die im Neuen Testament durchgehend angewandt
wird. Puer natus-Dichtungen, die am bekannten Introitus
der dritten Weihnachtsmesse anknüpfen, sind bis ins
13.Jahrhundert nachweisbar. Als erster hat der Schweizer
Dichter Heinrich von Laufenberg (wahrscheinlich von
Laufenburg AG stammend) 1439 eine deutsche Übersetzung
des zugrunde liegenden lateinischen Textes geschaffen.
Schon im 16.Jahrhundert findet sich das Lied im
Bapst?schen Gesangbuch (Leipzig 1545), das das
massgebliche lutherischen Liedgut der Zeit wiedergibt
wie auch im katholischen Pendant, demjenigen von Johann
Leisentrit von 1567. Das Text spielt in verschiedensten
Variationen mit der Paradoxie «Kind / Weltenherrscher».
Dazu dienen die rund zehn Anspielungen an das Alte
Testament, die mit Ausnahme der 5.Strophe durchgängig
zu finden sind. Auch das Öchslein und das Eselein
entstammen nicht einer lieblichen Krippenidylle, sondern
Jes 1,3: «Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel
die Krippe seines Herrn». Dies mag eine kontrastierende
Anspielung sein an Joh 1,11, wonach die Seinen ihn nicht
erkannt resp. nicht aufgenommen haben. Von der 4.Strophe
an kommen die Magier aus dem Morgenland in den Blick.
Sie stammen im Lied aus Saba, dem sagenhaft reiche
Nubien, wobei mit der Anspielung an Jes. 60,4-6 eine
kosmische Perspektive aufbricht. Die letzte Strophe
verbleibt in der grossen Gestik prohetischer Bildspache.
Sie erinnert an die Antrittspredigt Jesu in Nazareth (Lk
4,16), die mit Bezug auf Jes 61,1.2 die grosse Heilszeit
ansagt, von der aus künftig gezählt wird, bis ins Jahr
2000 und darüber hinaus.
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