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Walter Wiesli
Die Nacht ist vorgedrungen
(KG 310 / RG 372)
Text: Jochen Klepper 1938
Melodie: Johannes Petzold 1939
Rechte: © Bärenreiter Verlag, Kassel
Liebe Gemeinde,
Keine Zeit des Jahres weckt bei
Menschen so viele Erwartungen und Sehnsüchte wie Advent
und Weihnachten. Trotzdem ist es für viele eine
schwierige Zeit. Das Dunkel der langen Nächte erinnert
an das Dunkel im eigenen Leben. Über Wochen versuchen
wir das winterliche Dunkel aufzuhellen mit einer Flut
von Lichtern auf Straßen und Plätzen, in Wohnstuben
und Kirchen. Aber es will uns nicht gelingen, es
auszuschaffen und draußen zu halten. Selbst unsere
schönen Weihnachtsliedern, die das Licht so herzhaft
und überschwänglich besingen, muten gelegentlich an
wie ein krampfhafter Versuch, die Nacht zu verdrängen.
Dies macht diese Wochen so schwierig: Wir können mit
dem Dunkel schlecht umgehen: Mit Hell und Dunkel, mit
Freude und Leid, mit Gewinnen und Verlieren, mit Leben
und Sterben.
Einer der uns hilft, in einer Zeit schrecklicher Kriege
und vor einer düsteren Zukunft dennoch vom Licht und
einem rettenden Gott zu reden und zu singen, ist Jochen
Klepper, ein Dichter, der beides am eigenen Leib
erfahren hat. Er kommt in unserm Gesangbuch dreimal zu
Wort (im RG sogar elfmal), - und immer geht es dabei um
das Bemühen, diese Spannung auszuhalten. Mitten in der
Schreckenszeit des Nationalsozialismus veröffentlichte
er seine "geistlichen Lieder"[1],
unter denen sich auffallend viele Weihnachtslieder
finden. Eines, nämlich KG 310 "Die Nacht ist
vorgedrungen", sei uns Anlass zu einer adventlichen
Einkehr.
Wenn Sie die fünf Strophen
überfliegen, stellen Sie fest, dass vier mit dem
Stichwort "Nacht" oder "Dunkel"
beginnen: Die Nacht ist vorgedrungen (1. Str.), Die Nacht
ist schon im Schwinden (3. Str.), Noch manche Nacht wird
fallen (4. Str.), Gott will im Dunkel wohnen (5. Str.).
Schon in der 1. Strophe wird deutlich, wie der Dichter
mit dem Dunkel umgeht: Es wird nicht vom hellen Licht
der Sonne besiegt - die Sonne kommt übrigens im ganzen
Lied nirgends vor - und "Angst und Pein" nach
einer durchweinten Nacht werden nicht beseitigt. Sie
beide bleiben und werden lediglich erhellt, beschienen
vom "hellen Morgenstern". Aus dem Zusammenhang
wird deutlich, dass der Morgenstern hier mehr ist als
Bote des anbrechenden Tages, er steht für "Gottes
Huld", für Gottes Nähe und Zuwendung. Mit dieser
ersten Strophe ist diese von Klepper immer wieder
abgewandelte Thematik gegeben: Es gibt die Nacht, unsere
Nacht, sie schwindet gelegentlich und kehrt aber wieder,
- doch wir sind ihr nicht hilflos ausgeliefert, Gott
teilt sie mit uns.
Die Melodie des etwa zehn Jahre jüngeren Zeitgenossen
Johannes Petzold (†1985) kann uns helfen, diese
Grundbefindlichkeit nachzuvollziehen. Sie hebt an mit
drei gewichtigen Noten und einem ebenso gewichtigen
Tonsprung (Quarte). Man spürt: die Last und Schwere der
Nacht, sie läßt sich nicht wegreden.
Tonbeispiel: Die ersten sieben Töne
anspielen
Auch die herbe nach Moll eingefärbte
Tonart assoziiert die Vorstellung von Dunkel,
Verhaltenheit und Angst. Noch etwas fällt auf: Die
Schlüsse bleiben in der Schwebe, sie führen nicht zum
Grundton, der dem Melodiebogen Festigkeit und Halt gibt.
Die Schlüsse bleiben offen, so wie am Schluss
offenbleibt, wohin menschliche Nächte hinführen.
Dieses Leitmotiv Kleppers kehrt in vielen Dichtungen
wieder, beispielsweise so:
"Wir leben alle zwischen Nacht
und Nacht. (...)
Wir wachen ängstlich zwischen Schoß und Grab.
Ein Dunkel löst das andere ab. Inmitten liegt ein
wirres Spiel von Lichtern."[2]
Wir hören uns die ganze Liedmelodie
an:
Tonbeispiel: Das ganze Lied
instrumental spielen
Klepper wusste wovon er sprach.
Zwischen Nacht und Nacht hat er sein ganzes Leben
zugebracht, bis er schließlich in einer letzten Nacht
vom 10. Dezember 1942 zusammen mit seiner jüdischen Frau
und deren jüngster Tochter freiwillig aus dem Leben
schied. Er sah darin den einzigen Weg, einer durch die
Nazis verordneten Zwangsscheidung mit anschließender
Deportation von Gemahlin Hanni und Tochter Renate ins KZ
aus dem Weg zu gehen. Der Schweizer Diplomat Carl Jakob
Burckhardt versuchte Renerle - wie Klepper die Jüngste
liebevoll nannte - in die Schweiz zu bringen, doch die
Bundesbehörden lehnten ab. Die Nächte der Passion
werfen aber schon Jahre zuvor ihr langen, dunklen
Schatten voraus. Klepper ahnt sie und vermag auch
Weihnachten nicht ohne sie zu denken, wie dies in einem
Weihnachtsgedicht von 1938 durchscheint:
"Die Welt liegt heut im
Freudenlicht.
Dein aber harret das Gericht.
Dein Elend wendet keiner ab.
Vor deiner Krippe gähnt das Grab."[3]
LIED: Wir hören uns die erste
Liedstrophe an und singen sie danach gemeinsam.
Die zweite Strophe beschreibt konkret,
weshalb die Nacht schwindet und wie Gott mit der Nacht
des Menschen umgeht: Er teilt sie, sie wird zur
"Heiligen Nacht". Kleppers Bildsprache
erinnert an den Johannesprolog: Der Weltenschöpfer
erscheint als Kind. Nachdem dies Unausdenkliche möglich
wird, ist nichts mehr unmöglich, selbst dies: Der
Glaube an ein Kind wird lebensrettend.
LIED: Wir hören uns die ganze
Liedmelodie nochmals an und singen dann gemeinsam die 2.
Strophe.
In der dritten Strophe nimmt die Nacht
epochale Dimensionen einer Zeitennacht an. Es ist die
Dunkelheit, die den Menschen vom Ursprung her gefangen
hält. Wer zum Kind im Stall aufbricht, nimmt Teil an
einer kosmischen Zeitenwende. Hier besonders macht das
Stilmittel des Kontrastes hellhörig, längst Bekanntes
und Vertrautes nicht selbstverständlich hinzunehmen:
Das weltgeschichtliches Ereignis in einem Stall, die zum
Heil gewendete abgründige Schuld, das Unvorstellbare
eines Bundes zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf.
Immer wieder betroffen von der Abgründigkeit Gottes und
den Abgründen des Menschen, tastend im Dunkel und
Zweifel muss Klepper - wie er selber sagt - "Gottes
Schwere ertragen"[4],
und als Dichter begreifen: "Leicht lässt uns Gott
nicht singen".[5]
Er misstraut jenen, die Gott genau zu kennen vorgeben,
die glauben, ihm in die Karten zu sehen und auf alle
Ängste und Ratlosigkeiten des Lebens eine Antwort zu
wissen.
Wir versuchen uns in Str. 3 der
heilenden Nähe Gottes zu öffnen.
LIED: Alle singen die 3. Strophe
In der 4. Liedstrophe verdichtet sich
Kleppers persönliche Erfahrung mit Gott: Die Nächte
und das Dunkel kehren wieder trotz aller Tagesanbrüche,
aber das Dunkel "hält" uns nicht mehr, d.h.
hält uns nicht gefangen, hält uns nicht in Fesseln,
die Nacht hat keine Macht mehr über uns. Die Nacht
scheint zu schwinden: Von der Dunkelheit redet ein Vers,
vom Wandern im Licht reden drei Verse. Es ist dies
allerdings kein Nacheinander, Dunkel und Licht, Zweifel
und Gewissheit, Einsamkeit und Geborgenheit durchdringen
sich gegenseitig. Diese Einsicht hat Klepper seinem
Leben abgerungen und sie ist deshalb so hilfreich und
tröstlich, weil wir diese Erfahrung auch kennen. Der
Todesabgrund, der das Leben einkreist, bleibt, aber der
Mensch fällt nicht mir ins Bodenlose. So sieht es
Klepper:
"In jeder Nacht, die mich
umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir und allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiss."[6]
In der 4. Liedstrophe möchten wir
diese Gewissheit vertiefen.
LIED: 4. Strophe von allen gesungen
Die Erfahrung mit Gott inmitten der
vielen menschlichen Nächte fasst Klepper in den
lapidaren Satz: "Gott will im Dunkel wohnen".
Er liegt quer zu den Aussagen über Gott, wie sie
mehrheitlich die Bibel, die Glaubensbekenntnisse und die
Liturgie vermitteln. Und völlig fremd mutet er jetzt in
dieser Zeit an, wo ja doch das Licht zur Metapher wird
für Gottes Ankunft. Freilich, auf dem Hintergrund von
Kleppers Leben erstaunt dieser Satz nicht. Als
Tagebuchnotiz vom 7. Dezember 1937 spiegelt er die
zunehmende Verfolgung durch die Nazis: Er wird vom
Schriftstellerverband ausgeschlossen, muss als mit einer
Jüdin Verheirateter hohe Geldzahlungen erbringen und
wird später (1940) wegen seiner Ehe mit einer Jüdin
als "wehrunwürdig" aus der Armee entlassen.
Trotz einer depressiven Grundstimmung wird Klepper kein
Pessimist und Lebensverachter. Es scheint viel eher,
dass die Dunkelheit in seinem Leben Kräfte der Hoffnung
und des Vertrauens freisetzt, die kurz vor seinem Tod in
einer Tagebuchnotiz aufscheinen: "Gott ist größer
als unser Herz."[7]
Und dieser nicht nur im unzugänglichen Licht, sondern
im menschlichen Dunkel anwesende Gott gibt die Kraft,
Anfechtung, Angst und Scheitern als einen Teil der
eigenen Existenz anzunehmen, der nicht verdrängt und
weggeredet werden muss. Im schmerzlich und meist
widersprüchlich empfundenen Miteinander von Licht und
Dunkel, Gutsein und Versagen, Geborgenheit und Fremde
gewinnt der Glaube jene Tiefe, die den menschgewordenen
Gott im Dunkel des Lebens und dieser Zeit erst und
wirklich ernst nimmt.
So dürfen wir getrost die letzte
Strophe singen.
LIED: Lied 5. Strophe gemeinsam
gesungen
Anmerkungen
| 1 |
Kyrie.
Geistliche Lieder (1939), Bielefeld 1992 |
| 2 |
Ziel
der Zeit. Gesammelte Gedichte S. 14. Bielefeld
1993 |
| 3 |
Kyrie
S. 32 |
| 4 |
Jochen
Klepper, Unter dem Schatten deiner Flügel.
Tagebücher. S. 272. München 1983 |
| 5 |
ebd.
S. 776 |
| 6 |
Kyrie
S. 19 |
| 7 |
Unter
dem Schatten deiner Flügel. S. 1132 |
Weitere Literatur
- Heinz Rüegger, Gott will im Dunkel
wohnen, in Werkheft 2 zum KG und RG, S. 103, Basel
1999.
- Martin J.Wecht, Jochen Klepper, in:
Das neue Lied im EG. Düsseldorf 1997.
- Cordula Koepcke,
Jochen Klepper, Freiburg 1983.
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