|
Walter Wiesli
O Heiland, reiß die
Himmel auf (KG 302 / RG 361)
Das beliebte Adventslied "O Heiland, reiß
den Himmel auf" verbindet Christen aller
Konfessionen. Es scheint diese verbindende
Funktion mit auf den Weg bekommen zu haben: Während
des barocken Religionskrieges (Dreißigjähriger
Krieg 1622) entstanden, erscheint es 1666 im
Rheinfelsischen Gesangbuch, dem eigentlich
ersten ökumenischen Kirchengesangbuch. Der
adelige niederrheinische Dichter und Jesuit
Friedrich Spee (1591 - 1635) spricht darin eine
neue Kirchenliedsprache. Bislang haben Lieder
Heilsereignisse beschrieben, jetzt wird darauf
in erregten Gefühlsäußerungen reagiert. Der
erwartete Retter wird nicht beschrieben, er wird
bedrängt, herbei gezwungen. Ungeduldige Rufe
(O, Ach) leiten die Sätze ein und das ungestüme
Drängen (reiß auf, reiß ab, komm, komm herab,
schlag aus, brecht aus) lässt nicht ab. Die
archetypische Bilder aus dem Alten Testament
(besonders aus Jesaja) zeichnen kosmische
Perspektiven: Ausweglose Schuldverstrickung und
Todverfallenheit. Dazu kontrastiert die Zusage
vom rettenden Eingreifen Gottes im Bild vom Tau,
der sich erquickend auf die Erde senkt und neues
Leben schafft, und das Wissen um Licht, das die
Finsternis erhellt. Nach den drei
Hoffnungsstrophen bricht nochmals die ganze
menschliche Not ungefiltert durch. Spee,
vierundvierzigjährig selbst ein Opfer dieses
Krieges, weiß, wovon er spricht. Er steht
"Hexen" auf dem Scheiterhaufen bei,
erntet aber für seinen Protest nur Widerspruch.
Auf die uralte Menschheitsfrage «Wo bleibst du,
Trost der ganzen Welt?» gibt das Lied keine
Antwort. Es bleibt bei der ungestümen Bitte und
der sie tragenden Hoffnung.
|