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Fastenzeit, eine festliche Zeit
von Walter Wiesli
Die Österliche Bußzeit
Die Fastenzeit, mit dem offiziellen Namen
"Österliche Bußzeit", ist schon ganz von der österlichen
Thematik bestimmt und wird so zur festlichen vierzigtägigen
Vorbereitung auf Ostern, dem höchsten Fest der Christen.
Die Betonung des Fastens im deutschen Begriff
"Fastenzeit" (im Gegensatz zu andern Sprache, so
beispielsweise Carême, Quaresima) sollte den freudigen
Unterton nicht vergessen lassen. Die lateinische Liturgie
verblieb beim ursprünglichen Namen Quadragesima (von lat.
40), weil dieser Zahl eine biblische Typologie zugrunde
liegt: Jesus fastete 40 Tage, die Wüstenwanderung dauerte
40 Jahre, Mose blieb 40 Tage auf dem Berg Sinai usw. Da an
Sonntagen, dem Gedächtnistag der Auferstehung nie gefastet
wurde, beginnt die vierzigtägige Bußzeit bereits am
Mittwoch (Aschermittwoch) vor dem ersten Fastensonntag und
endet vor dem Abendmahlsgottesdienst am Hohen Donnerstag.
Die Thematik der Fastensonntage ist zielstrebig auf das
Ostergeschehen hin angelegt. In Solidarität mit allen
Menschen zeigt sich Jesus versuchbar (1. Fastensonntag), erfährt
aber trotz Voraussicht auf sein Scheitern am Kreuz Gottes
Zusage auf Verherrlichung (2. Fastensonntag). Die drei
folgenden Fastensonntage verdeutlichen den Zusammenhang
zwischen Ostern und Taufe. Die Gemeinde lebt aus dem
Glauben, dass wir in der Taufe mit Christus in seinen Tod
hinein begraben wurden und mit ihm auferstanden sind (Röm
6,3). Selbst wenn in der Gemeinde keine Katechumenen
(Taufbewerber) auf dem Vorbereitungsweg sind, sollte in
dieser Zeit der Zusammenhang zwischen Ostern und der
Christwerdung durch die Taufe, Firmung und Eucharistie
bedacht und vertieft werden. Der 6. Fastensonntag
(Palmsonntag) bringt das Ostergeschehen andeutungsweise in
umgekehrter Abfolge zur Darstellung: Der als Sieger
verherrlichten Christus zieht in Jerusalem ein und der an
den Schandpfahl gehängte Gottesknecht stirbt am Kreuz.
Schwerpunkte – Brauchtum
Das religiöse Fasten ist in
vielen, auch nichtchristlichen Religionen verbreitet. Es
dient der Unterstützung des Gebetes, dem Kampf gegen Süchte
und soll Raum schaffen für den Geistempfang. In diesem
Zusammenhang weist die Liturgiekonstitution des Vaticanums
II (Nr. 109/110) auf die "sozialen Folgen der Sünde"
hin, auf die man sich in Buße und im Fasten vermehrt
besinnen soll. Gemeint sind vorab auch die strukturellen Sünden
von Egoismen, Ausbeutung und Ungerechtigkeit, wie sie
moderne Staats- und Wirtschaftssysteme zu Hauf produzieren.
Aktionen wie das "Fastenopfer" (seit 1961),
"Brot für alle" (seit 1961) und
"Misereor" (seit 1959) bemühen sich, den Bußgedanken
vermehrt auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene zu
aktualisieren. In Gemeinschaftsanlässen wie ökumenischen
Suppentagen wird die solidarische Mitverantwortung und das
Problembewusstsein im Blick auf die Nöte der Welt vertieft
und die Bereitschaft zum Mit-Teilen eingeübt.
Mit dem Ritus der Aschenauflegung begann
im Altertum für die öffentlichen Büßer die Zeit ihrer
Versöhnung mit der kirchlichen Gemeinschaft. Seit dem 11.
Jahrhundert ist die Austeilung der Asche an alle Gläubigen
belegt. Neben der traditionellen Deutung: "Bedenke,
Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren
wirst" (Gen 3,19), erinnert das programmatische
Reichgottes-Programm "Bekehrt euch und glaubt an das
Evangelium" (Mk 1,15) bei der Aschenauflegung an eine
ganzheitliche Neuorientierung im Handeln und Denken. Damit
wird deutlich, dass das Fasten nur ein Teilaspekt dieser
liturgischen Zeit darstellt.
Von Misereor (1976) und vom Fastenopfer
(1977) wurde das nur noch in spärlichen Resten vorhandene
Fastensymbol "Hungertuch" neu aufgegriffen.
Es handelte sich ursprünglich um ein Fastenvelum, womit dem
Volk seit dem 11. Jahrhundert in der Fastenzeit der Blick zum
Altar verdeckt wurde. Im heutigen Hungertuch möchten Werke
von Künstlern der Dritten Welt helfen, religiöse und
kulturelle Werte, aber auch Probleme und Nöte von
Mitchristen in der Dritten Welt aufzuschließen und auf
diese Weise den Fastengedanken zu vertiefen.
Etwa zeitgleich mit dem Hungertuch
entwickelte sich der Brauch, am Passionssonntag (5.
Fastensonntag) die Kreuze und Bilder mit violetten Tüchern
zu verhüllen. Anfänglich bezog sich der Brauch nur auf
kostbare, mit Edelsteinen geschmückte Kreuze
(Gemmenkreuze), später wurde er auf alle Kreuze und Bilder
ausgedehnt. Seit der Liturgiereform ist der Verhüllungsbrauch
freigestellt.
Den "Mittefasten"-Sonntag, nach
dem lateinischen Eröffnungsgesang Laetare-Sonntag
benannt, kennzeichnet eine freudige Stimmung. So lag es
nahe, hier Frühlingsbräuche anzusiedeln, die es mit dem
Erwachen der Natur zu tun haben. Dazu gehören
beispielsweise die "Mittefastenfeuer", die sich in
manchen Gegenden der Schweiz erhalten haben.
Unter den volkstümlichen Gebetsformen
nimmt der "Kreuzweg" eine bevorzugte
Stellung ein. In Anlehnung an das meditative Begehen der Via
dolorosa (Kreuzweg Christi) in Jerusalem und dem Bedenken
der einzelnen Geschehnisse (Stationen) entwickelte sich auch
hierzulande die Kreuzwegandacht. Seit dem 16. Jahrhundert
setzt sie sich mit einem Kanon von 14 Stationen durch. In
manchen Kirchen finden sich dazu Bilder oder Plastiken,
manchenorts gibt es sie auch im Freien auf ausgedehnten
Wegen. Seit dem Vaticanum II ist auch ein "biblischer
Kreuzweg" im Gebrauch, der mit der Abendmahlsszene
beginnt und mit der Auferstehung endet. Aus der
traditionellen Kreuzwegandacht werden nur sechs Stationen
weiterhin verwendet. In der Schweiz findet sich eine
entsprechende Darstellung in der Kirche Goldau SZ. Das KG
bietet neben einem traditionellen Kreuzweg in einer analogen
Stationenabfolge eine neue, zweite Kreuzwegandacht, die den
Kreuzweg der Menschheit meditiert, den diese in der
Gefolgschaft Jesu geht.
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